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Die Gräfin und die Russische Revolution/
La Comtesse et la Révolution russe

Ein Film von Monika Czernin (BR, ORF, ARTE)

 

Die Russische oder genauer: Die bolschewistische Revolution vom Oktober 1917 war bereit, der Welt ein neues Signal zu geben. Deshalb war sie für dieses Jahrhundert ein ebenso zentrales Ereignis, wie es die Französische Revolution von 1789 für das 19. Jahrhundert gewesen war.“ (Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, München 1998)

Heuer jährt sich die Russische Revolution zum 90. Mal. Monika Czernin hat sich diesem epochale Ereignis in ihrer TV-Dokumentation Die Gräfin und die Russische Revolution aus der Sicht der österreichisch-ungarischen und deutschen Kriegsgefangenen angenähert.

NOra

Ich habe fünf Invaliden gefunden, davon drei Einäugige. Nur drei Mann waren im Gefängnis. Sie wurden mir zu Ehren frei gelassen.“ Mitten im Ersten Weltkrieg und ein halbes Jahr vor dem Ausbruch der Russischen Revolution reist die österreichisch-ungarische Rotkreuzschwester Nora Kinsky durch Sibirien, um die Not von 100.000den deutschen und österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen zu lindern. Die sogenannten Schwesternreisen, die als Reaktion auf die schrecklichen Zustände und die hohe Sterblichkeit in den Gefangenenlagern Russlands von der Zarenfamilie ins Leben gerufen worden waren, sollten Missstände beseitigen und die Einhaltung der Haager Landkriegsordnung überwachen.

Unter den Kriegsgefangenen befanden sich später berühmt gewordene Männer: Josip Broz, Tito, später Staatspräsident Jugoslawiens. Roland Freisler, Hitlers williger Richter und Vollstrecker. Ernst Reuter, später Bürgermeister von Berlin. Der österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer. Bela Kun, Schlüsselfigur der ungarischen Räterepublik. Der deutsche Bestsellerautor Edwin Erich Dwinger. Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer und Jaroslav Hasek, der mit den „Abenteuern des braven Soldaten Schwejk“ zu Weltruhm gelangen sollte. Sie alle wurden 1917 vom epochalen Umbruch der Russischen Revolution erfasst, die wie kaum ein anderes Ereignis das 20. Jahrhundert geprägt hat.

Der Film verwebt die Geschichte der adeligen Rotkreuzschwester mit dem der Kriegsgefangenen. Die böhmische Gräfin steht dabei für die alte Welt des 19. Jahrhunderts, die mit dem Krieg und der Oktoberrevolution unterging, während die Kriegsgefangenen mit ihren Biographien für ein neues Zeitalter, das kurze 20. Jahrhundert, stehen, das aus dem Trommelfeuer der modernen Kriegsmaschinerie und dem gesellschaftlichen Umbruch der Russischen Revolution geboren wurde.

Nora

Anmerkungen zum Film

Den roten Faden durch den Film bilden Spielfilmszenen über die Geschichte der Nora Kinsky, deren Mut, Willensstärke und Durchsetzungskraft beispiellos gewesen war. Sie wurden in Russland und im böhmischen Schloss Chlumetz gedreht, in dem Nora Kinsky aufgewachsen ist. Monika Czernin, eine Großnichte der Heldin, hat nicht nur Regie geführt, sondern auch die Rolle der Nora übernommen. Ihre Romanbiographie „Ich habe zu kurz gelebt. Die Geschichte der Nora Gräfin Kinsky“ (List Verlag), bildet eine wichtige Grundlage des Films. Darüber hinaus hat die Autorin auch wichtige Historiker als Gesprächspartner gewinnen können (Karl Schlögel, Hannes Leidinger, Reinhard Nachtigal, Georg Wurzer). Neben Archivfilmmaterial gelang es der Autorin das sogenannte Plenny-Archiv des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien – ein wahrer Schatz an unveröffentlichten Fotos, Dokumenten, Zeichnungen aus den Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs – durch den Film erstmals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Vor dem Hintergrund der russischen Tragödie erinnert die Geschichte der Nora Kinsky, deren Reisen durch ein Land in Auflösung und Chaos sich mit den Leben der Kriegsgefangenen und späteren Berühmtheiten kreuzt, nicht zu unrecht an Doktor Schiwago. In Petrograd sind große Kämpfe, man bringt alle Bürgerlichen um. Arme Leute! Hier ist es noch ruhig, aber sicher werden auch hier früher oder später Tumulte und Kämpfe stattfinden... Obwohl ich manchmal Sorge habe, bin ich froh, hier zu sein, weil wir viele Kranke haben, die offenbar dankbar sind, mich zu haben.